Der Judoka, der mit den Augen hört

Vielen Dank an Martin Rutrecht von der MZ für den tollen Bericht!

Der Abensberger Daniel Scheller (19) ist seit der Geburt taub. Im Kampf liest er die Lippen und Handzeichen seines Trainers. Von Martin Rutrecht

Wenn er auf der Matte steht, merkt man nichts. Der 19-jährige Judoka Daniel Scheller vom TSV Abensberg ist seit seiner Geburt taub. Während er im Training mit einem Hörgerät alles auffangen kann, muss er im Kampf auf dieses Hilfsmittel verzichten. Über Lippenlesen und Handzeichen orientiert er sich im Wettstreit an Trainer Jürgen Öchsner. „Wir sind ein eingespieltes Team“, sagt der Youngster, der sich am Wochenende mit einem dritten Rang bei der süddeutschen U21-Meisterschaft das Ticket für die nationale Endrunde holte.

„Ein Blick zum Coach reicht mir“

„Ohne Hörgerät höre ich etwa zehn bis zwanzig Prozent“, erzählt der junge Babone aus Ingolstadt. Wenn man laut in sein Ohr redet, versteht er. Schon in jungen Jahren schloss sich Scheller dem TSV Abensberg an. „Er ist ein feiner Kerl“, sagt sein Coach Öchsner. Im Training können Betreuer und Schützling ganz normal arbeiten. „Wir sprechen dabei sehr viel und gehen vor Wettkämpfen jeden Gegner durch. Auf der Matte muss er sich auf meine Handzeichen verlassen können und er liest von meinen Lippen ab. Über die Jahren hinweg hat sich so eine fast perfekte Kommunikation entwickelt“, so der TSV-Coach. Dabei, so schmunzeln beide, sei es von Vorteil, dass Öchsner beim Geschehen auf der Matte „mit dem ganzen Körper mitgeht“. „Da reicht ein Blick und ich weiß, was er meint“, so der 19-Jährige. „Die Wahrnehmung von Gesten hat sich im Lauf meines Lebens geschärft.“ So hat Scheller auch wenig Mühe, einem Kampfrichter zu folgen. „Jede Unterbrechung wird sowieso mit der Hand angezeigt, ebenso Festhaltegriffe oder Wertungen“, ergänzt sein Coach, der dem 60 kg-Athleten grundsätzlich rät: „Wenn du dir nicht sicher bist, mach’ weiter.“ Ablesen kann es Scheller auch an der Reaktion der Gegner. „Mittlerweile ist ja in der Judo-Szene bekannt, dass ich während eines Kampfes nichts höre.“

Das vermeintliche Handicap hindert den jungen Mann nicht an einer bisher erfolgreichen Karriere. Im Vorjahr stand Scheller im Zweitliga-Aufgebot der Abensberger, das die Rückkehr ins Oberhaus feierte. Ganz frisch ist noch sein jüngster Einzelstreich, den er bei der süddeutschen U21-Meisterschaft in Kirchberg/Württemberg landete. Mit Bronze rückt er vor zu den nationalen Titelkämpfen. Dabei verpasste Scheller nach Freilos und einem souveränen Sieg in Runde zwei haarscharf den Kampf um Gold.

Bis zu fünfmal in der Woche Training

Gegen Benjamin Bruder vom BC Karlsruhe führte der Abensberger im Halbfinale bis kurz vor Schluss. Allerdings hatte er auch schon zwei Bestrafungen (Shido) am Buckel. Die dritte Ermahnung bedeutet die Disqualifikation – und diese ereilte ihn elf Sekunden vor dem Ende, als er unerlaubt neben die Matte trat. Im kleinen Finale gegen Valentin Molinari von der TSG Backnang rüttelte der TSV-Vertreter den Gegner mit Schulterwürfen und einer Rückwärtsfalltechnik durch. „Ich hätte zwar gerne um Gold gekämpft, aber mit der Medaille bin ich weiter und bei der Endrunde in Frankfurt/Oder werden die Karten neu gemischt.“ Sein Trainer Öchsner will ihn auch für die Bundesliga-Truppe aufbauen. „Sollte er sich weiter ranhalten, könnte Daniel in zwei, drei Jahren zu einer wichtigen Kraft im Team werden.“ Am Fleiß mangelt es dem Youngster nicht. In München macht er derzeit eine Ausbildung bei Bayernwerk und trainiert bis zu fünfmal in der Woche, teilweise am Stützpunkt Großhadern, teilweise in Abensberg. „Judo ist für mich ein super Sport.“

Der höfliche junge Mann schätzt die Arbeit mit Jürgen Öchsner. Per WhatsApp bedankte er sich nach der süddeutschen Meisterschaft. Diese „Handzeichen“ liest der Trainer gerne. 

Kategorien: News

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